Mittwoch, 5. September 2007
Menschen pro Quadratmeter U-Bahn, Hupgeräusche pro Wimpernschlag, Delikatessen pro Yuan - Peking ließe sich schon in Zähleinheiten zwängen. Aber das wäre nur die halbe Wahrheit. Willkommen.

























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Mittwoch, 8. August 2007
Die Beach-Bräute von der deutschen Halbinsel
"De guo, de guo", wiederholt der Taxifahrer nickend und zeigt dabei auf den Boden seines rostigen VW-Santana. Deutschland heißt das, wörtlich "Tugendland", das krieg ich noch hin. Aber ob er damit das Auto deutschen Ursprungs oder die Straße meint, wird mir irgendwie nicht klar. Beides wäre möglich.

Drei Versprechen waren es, die uns die 890 Kilometer von Peking in die Küstenstadt Qingdao zurücklegen ließen: schöner Strand, gute Luft und deutsche Architektur (sollte es tatsächlich eine chinesische Stadt geben, die sich von den anderen Großstädten unterscheidet?).

Die "Grüne Stadt" am Gelben Meer stand von 1897 bis 1914 unter deutscher Verwaltung (man könnte auch Herrschaft sagen). Den gewaltsamen Tod zweier Missionare hatte die Reichsregierung Preußens zum Anlass genommen, mit Hilfe der Überzeugungsarbeit ihrer Marine ein Stückchen Land als Handelsstützpunkt einzufordern.

"De guo!" Auf der Fahrt vom neuen Teil Qingdaos in die Altstadt ist tatsächlich immer weniger neues China und immer mehr altes Deutschland zu sehen. Und der Taxifahrer hat seine Mission als Stadtführer noch nicht aufgegeben. Während er wild die Spuren wechselnd durch den feierabendlichen Verkehr kurvt, deutet er strahlend zu seiner Rechten, auf der eben eine Hochhaussiedlung vorbeizieht und ein irgendwie nicht ins Bild passendes Gebäude auftaucht. "De guo!" Unverkennbar. Wir passieren gerade das wohl einflussreichste Überbleibsel der damaligen Zeit: Die 1903 von den Deutschen gegründete Brauerei, die bis heute eine der beliebtesten chinesischen Biersorten hervorbringt (Tsingtao).

Eine sehr eng geschnittene Kurve und mehrere Serpentinen später stehen wir vor der alten Sternwarte auf einem der Hügel, über die sich die Stadt spannt. Da in einer Sehenswürdigkeit wohnen besonders viel Spaß macht, haben wir uns hier eingemietet. Außerdem hat man beste Sicht auf die schmalen Gassen der Stadt, die katholische Kirche, ehemalige Residenzen und schließlich das Meer.

Das erste Versprechen hat sich also tatsächlich erfüllt: Die Altstadt ist hübsch. Es gibt nur wenige Hochhäuser, alles in allem hat Qingdao einen leicht morbiden, eher südeuropäischen Charme. Und auch das Versprechen besserer Luft hält die Stadt. Vom Meer her weht konstant eine leichte Brise, wenn ein leichter Grauschleier die Sicht vernebelt kann man davon ausgehen, dass es hier kein Smog oder Baustaub ist.



Derart motiviert wollten wir jetzt auch das dritte Versprechen einlösen: Wir machten uns auf dem Weg zum Strand. Zugegeben, ein bisschen Naivität war da schon im Spiel. Ich muss nämlich ergänzen, dass es meine chinesische Mitbewohnerin war, die uns Qingdao als Beachparadies ans Herz gelegt hat (und unser chinesischer Nachbar, der das bestätigt hat, kommt gebürtig aus Qingdao). Soll heißen: Wir teilten offenbar nicht unbedingt die selben Vorstellungen von "schön".



Ein Stück weiter fanden wir aber schließlich doch einen hübschen Strand, der nicht ganz so zugepackt war mit Sonnenschirmen, Zelten und Handtüchern. Gegen eine moderate Eintrittsgebühr von 2 Yuan (umgerechnet knapp 20 Cent) erkauften wir uns einen Tag am Meer. Und die Gelegenheit für zahlreiche interessante Sozialstudien. Chinesische Pärchen sind mein aktuelles Lieblingsforschungsobjekt.

Heuer (man erlaube mir die Verwendung dieses österreichischen Ausdrucks, der mir eine Wortwiederholung erspart) ist das Jahr des Schweins und damit ein besonders gutes für Hochzeiten. Obwohl die überwältigende Mehrheit der Chinesen mit christlichem Glauben nichts am Hut hat, heiraten die meisten gerne in weiß mit viel Tamtam. Zu letzterem gehören offenbar besonders besondere Hochzeitsfotos mit romantischem Hintergrund. Und weil Meer und Strand wohl landläufig als romantische Kulissen gelten, lauern in Qingdao hinter jedem Stein und jedem Busch Bräute und Bräutigamme samt Fotoentourage.




Bis auf das Bier und die vereinzelt auftauchende deutsche Architektur ist nicht allzu viel übrig geblieben von dem kurzen Kolonial-Intermezzo an der chinesischen Küste. Aber etwas Neues gibt es doch in Sachen deutsch-chinesische Beziehungen und das möchte ich Euch natürlich nicht vorenthalten: Conny und ich werden demnächst Karriere machen - als Mitglieder einer deutsch-chinesischen Girlband.














Hier gibt´s mehr Fotos aus Qingdao...

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Dienstag, 31. Juli 2007
Der Ausländer - die Sehenswürdigkeit
Einer mehr und wir hätten einen Spendenhut aufgestellt. Dabei fing alles ganz harmlos an. Wir standen vor dem Mausoleum, also mittig auf dem Platz des Himmlischen Friedens und verarbeiteten gerade unsere Enttäuschung darüber, dass Mao offenbar generalüberholt wird und das Ding bis September geschlossen ist (ich nehme an, das läuft unter Herausputzen für Olympia). Ein bisschen Erleichterung war zugegeben auch dabei, so bleibt uns das Aufstehen um halb sechs und Anstehen ab acht bis vorausschichtlich zehn Uhr erspart.

Als wir da so standen - wir, das sind Conny, Christian und ich - als wir da also so standen und uns mit Gebäudefotografie begnügten, stellten wir fest, dass sich einige Leute um uns herum mit Ausländerfotografie beschäftigten. Und schon kam das erste Mädel und bat uns um ein Foto.

Man ist da ja nicht so, wenns Freude macht, bitte. Also posierten wir brav und recht freundlich mit ihr in unserer Mitte. Dann mit ihrer Freundin, mit noch einer Freundin (oder gehörte die schon gar nicht mehr zu der Gruppe?), dann mit einem Mann, der definitiv einer anderen Gruppe angehörte, schließlich mit dem Mann, der das Foto zuvor gemacht hatte. Mittlerweile hatte sich ein kleiner Menschenauflauf gebildet (eigentlich eher eine Schlange) und wir bekamen Angst, den Rest des Tages als Deko an diesem Fleck verbringen zu müssen. Als wir dem Pappfiguraufsteller-ähnlichen Dasein ein Ende setzen wollten, tauchte auch noch ein Kind auf, also weiter.

Geschätzte zehn Aufnahmen später suchten wir das Weite. Ich wünschte wirklich, ich hätte all die Aufnahmen, die mich mit irgendwelchen asiatischen Touristen zeigen. Wäre eine schöne Sammlung vor den Sehenswürdigkeiten des Landes. In der Verbotenen Stadt konnten Conny und ich diesmal zumindest ein Foto ergattern.

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Montag, 30. Juli 2007
Entdecke die Möglichkeiten
Zum Mittagessen gabs Köttbullar. Mit Preiselbeeren und brauner Soße. Anschließend natürlich Kanelbullar und Löfgrens Kaffee. Nein, ich habe nicht wieder von Essen geträumt. Viel besser: Wir waren bei IKEA.

Zwischen all den Billys, Poängs und Hejs fühlte ich mich derart heimisch, dass es schon fast überraschend war, als ich vor der Tür nicht Dortmund-Kley sondern Beijing-Chaoyang vorfand.

Natürlich war das eine, sagen wir mal - Recherchereise. Interkulturelle Differenzen ausfindig machen und so. Ein bisschen enttäuschend war nur, dass sich weder Sortiment noch Ladeneinrichtung großartig von denen in Schweden oder Deutschland unterschieden (vielleicht bis auf das chinesische Essen neben den Köttbullar und der Einrichtung für einen Frisiersalon, die dekoriert war).

Aber einen kleinen Unterschied gabs dann doch: Die Chinesen bewohnen ihren IKEA förmlich. Überall saßen Leute auf den Sofas, Betten und Kommoden, einer hatte seinen Laptop ausgepackt und es sich in der Wohnzimmerecke des 30m² Raumwunderzimmers gemütlich gemacht.

Und ein Rätsel hat sich für mich an diesem Tag schließlich doch noch gelöst. Saja fragte mich neulich, ob es stimmt, dass in Schweden alle schön sind. Ich habe mich ehrlich darüber gewundert, wie sich dieses Gerücht (das natürlich nicht ganz von der Hand zu weisen ist) sogar bis Nordostchina rumgesprochen hat.

Seit meinem Besuch bei IKEA-Beijing weiß ich es: Das Hochglanzmagazin "Visit Sweden" wirbt neben bezaubernder Landschaft und trendigen Shoppingspots in der Hauptsache mit den blonden Vorzügen des Landes.

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Mittwoch, 25. Juli 2007
DJ Game Over
Kürzlich ist mir beim Räumen mein alter Game Boy in die Hände gefallen. Das erste Modell in Maus-grau, schon tragbar aber noch nicht ganz Abendtäschchen-tauglich. Viele schöne Stunden haben wir miteinander verbracht, vertraut sind all die Anschalt-Bipings und Game Over-dididididis (mit etwas Phantasie).

Eben jene vertrauten Geräusche empfingen mich vergangenen Samstag im 2 Kolegas, einem sagen wir Club in der Nähe des örtlichen Autokinos. DJ Sulumi hatte sich gerade warm gespielt - neben Computer und Mischpult sind Game Boy und Uralt-Spielekonsolen sein liebstes Arbeitswerkzeug.



Und so sieht das aus, wenn dem dj (wmv, 475 KB) mitten in der schönsten Spielerei der Strom ausgeht. Gig Over.

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Samstag, 21. Juli 2007
Ich will ein Wurstbrot
Neulich habe ich von einem Wurstbrot geträumt. Eine Scheibe dunkles Brot mit ein bisschen Butter, Bauernschinken und zur Krönung ein in dünne Streifen geschnittenes Essiggürkchen.

Die Individualtouristenehre verbietet es einem ja eigentlich. Schon der Gedanke daran, anderes als "einheimisches" Essen zu verzehren, kann schwere Gewissensnöte verursachen - schließlich will man ja nicht einer dieser unausstehlich unflexiblen Ausländer sein, die zwar möglichst weit weg fahren, dann aber doch am liebsten Bratwurst und Burger essen (auch wenn sie das zu Hause nie tun).

Aber ehrlich: Drei Mahlzeiten am Tag müssen schon sein. Und dreimal chinesisches Essen täglich geht nicht. Jedenfalls nicht zwei Monate in Folge.

Bei mir geht das deshalb nicht, weil meine Lieblingsmahlzeit das Frühstück ist. Je besser das Frühstück, desto erfolgversprechender der Tag. Mit der Einstellung bin ich hier ziemlich gekniffen, denn obwohl ich lieber herzhaft als Marmeladenbrot esse - scharfe, heiße Nudelsuppe auf nüchternen Magen pack ich nicht.

Und weil mir Cheerios mit Wassermilch auch schon wieder zum Hals raushängen, habe ich bereits nach knapp zwei Wochen den Weg zur deutschen Fleischerei gefunden. Die ist praktischerweise ganz in der Nähe der "Süddeutschen Bäckerei Café Konstanz". (Wenn man vor dem mit rustikalen Balken und Blumenkästen verkleideten - im wahrsten Wortsinn - Haus steht, schallt ein lautes "KONNSCHTANNZ" durch den Kopf.)

Mit meiner Brot-Salami-Gouda-Beute kam ich stolz wie Hans nach Hause, hatte sie gerade im Kühlschrank neben den Dumplings und tausendjährigen Eiern verstaut (dazu später mehr), als meine Mitbewohnerin in die Küche kam. Und sorry Leute: Sie denkt jetzt, alle Deutschen essen zum Frühstück wie zum Abendessen immer trocken Brot mit Käse.

Der Hund liebt den Käse. Saja nicht so. Hier sei eine Verallgemeinerung erlaubt: Chinesen sind sehr stolz auf ihr Essen und ein bisschen skeptisch gegenüber Dingen, die von außerhalb kommen (aber das soll ja bei Franzosen ähnlich sein). Und weil ich die Ehre Deutschlands nicht ganz ruinieren will, probiere ich ganz tapfer immer alles, was Saja kocht.

Und jetzt kommt die gute Nachricht: Chinesisches Essen ist superlecker und hat übrigens mit dem chinesischen Essen, das es bei uns zu kaufen gibt, wenig zu tun. Viel frisches Gemüse, überhaupt nicht viel Fett, Fisch, Fleisch - ausgewogen würde ich sagen. Und alles lässt sich mit wenig Geschirr bestreiten: Schale, Stäbchen, gut ists. Leider gibts in unserer Küchenausstattung auch nicht wesentlich mehr, also keine Teller oder Messer, was die Umsetzung meiner Wurstbrotphantasien doch erheblich erschwert.

Auswärts chinesisch zu essen ist sehr günstig, birgt aber gewisse Risiken. In Kanton gibt es ein Sprichwort, das sinngemäß besagt, sie essen alles zwischen Himmel und Erde (was Hunde, Ratten, komische Vögel und Insekten einschließt). So ist das hier im Norden nicht, aber auch hier gibts einfach Sachen, die ich nicht mag. Als da wären Hühnerfüße am Stil und andere klar zu identifizierende Körperteile von Tieren, Schleimpilze und Innereien.

Und eben die tausendjährigen Eier. Sie Seite "Kochbuch-und-Kuechenhilfe.de" schreibt dazu: "Um Eier länger lagern zu können kamen findige Chinesen in grauer Vorzeit auf die Idee, sie mehrere Monate lang (ca. 100 Tage) in einer Mischung aus Kalk, Holzkohlenasche, Erde, Reisschalen und Salzwasser zu konservieren. Während dieser Lagerzeit tritt eine Art Edelfäule ein, bei der das Eiweiß durch enzymatischen Abbau gelatineartig wird und eine Farbe wie Bernstein annimmt. Das Eigelb wird grün und quarkartig. Der bei dieser Fäulnis entstehende Geruch ist nicht jedermanns Sache." Dem stimme ich zu.

Essen ist hier das Top-Thema. Und nicht nur bei den Chinesen, in deren Tradition Essen eine sehr wichtige Rolle spielt (zum Beispiel fragt man, wenn man gute Bekannte trifft, "Hast Du schon gegessen?", was so ein Ausdruck ist wie "How are you?" und bitte nicht ernsthaft beantwortet werden soll).

Auch die Ausländer verbringen viel Zeit damit, Tipps für Restaurants auszutauschen und eben solche zu testen. Vor allem geht es um die Frage, wo man gutes, nicht allzu teures und vor allem nicht-chinesisches Essen bekommt. Die Deutschen, die ich hier kennengelernt habe, beschäftigen sich schon länger mit einem Projekt, das mir sehr entgegen kommt: Der Suche nach einem richtig leckeren Frühstück.

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Taxi nach Babylon
Mein Chinesisch ist unterirdisch. Aber man kann mir immerhin nicht den Vorwurf machen, es nicht zu versuchen. Jeden Abend übe ich mit meiner Mitbewohnerin ein paar Sätze. Oft endet das damit, dass sie die Stirn in Falten legt, "I think I know what you mean" sagt - und ich es aufgebe.

Neulich war ich aber ganz stolz, dass ich eine Haltestelle, zu der ich regelmäßig fahren muss, gut ausgesprochen habe. Saja sah zufrieden aus ob Ihres Lehrerfolgs. Mit einem derart gestärkten Selbstbewusstsein ausgestattet habe ich mir also ein Taxi herangewunken.

Und dann passiert immer das Gleiche: Ich sage mein Sätzchen, der Taxifahrer sagt etwas, das mit viel Phantasie irgenwie ähnlich klingt, ich wiederhole mein Sätzchen mit einem guten Einschlag seiner Betonung und irgendwann treffen wir uns in der Mitte (zu dem Zeitpunkt habe ich dann meist schon meinen Stadtplan rausgeholt, um zumindest sicherzugehen, dass wir in die richtige Himmelsrichtung fahren).

Das hat mir wirklich Kopfzerbrechen bereitet. Dann habe ich versucht, mir die Situation in Deutschland vorzustellen: Saja besucht mich sagen wir in Köln. Ich erkläre ihr auf Oberpinzgauerisch, wie Sie ein Taxi nach Köln-Zollstock bestellt (ob sie da jemals hinfahren würde, ist für das Beispiel nicht entscheidend) und übe mit ihr die Aussprache - also sowas wie Köhn Zoajstook. Und weil das nicht schon aussichtslos genug ist, kommt der Taxifahrer aus Delitzsch nahe Leipzig. Irgendwie ist immer Deutsch im Spiel. Irgendwie.

Tja, und in China gibt es nicht nur jede Menge Dialekte, sondern auch einige unterschiedliche Sprachen. Was zur Folge hat, dass auch Chinesen mancherorts Schwierigkeiten haben, sich untereinander zu verständigen (jedenfalls gesprochen).


Herkunft der Karte: http://schiller.dartmouth.edu/chinese/maps/maps.html (21.07.2007)


Was meine Sprachfortschritte angeht, kommt noch die Sorge dazu, jemanden zu beleidigen, weil ich ein Wort falsch betone. Ein sehr beliebtes und eingängiges Beispiel ist das kleine Wörtchen "ma". In den vier Tonhöhen hat es die Bedeutungen Mama, Pferd, Hanf und schimpfen. Da brauchts nicht viel Phantasie sich auszumalen, was da rauskommen kann.

Olympia sei dank können Westler zumindest im kommenden Jahr ihre Lernfaulheit kultivieren. In Peking sollen nach offiziellen Angaben in der zweiten Jahreshälfte (2007) 93000 Taxifahrer Englisch lernen, damit die vielen Ausländer, die kommendes Jahr hier einfallen, nicht verloren gehen (was dank Meldepflicht etc. eh nicht so leicht ist, aber das ist ein anderes Thema).

Außerdem kursieren schon Geschichten über alte Menschen, die sich in den Parks der Stadt treffen, um Englisch zu üben. Und ein extra Buch gibts auch für alle Chinesen, die mit den Ausländern zu tun bekommen könnten (also potentiell alle, die vielleicht auch noch irgendein Geschäft machen wollen). Da stehen mehrere hundert "nützliche" Dialoge drin, zum Beispiel so etwas (Gedächtnisprotokoll):

"Möchten Sie eine Fußmassage?"
"Gerade habe ich keine Zeit, aber könnte ich für morgen Vormittag einen Termin vereinbaren?"
"Vormittags sind wir immer ziemlich ausgebucht. Aber nachmittags ginge."
"Das ist toll, danke."
"Nichts zu danken."

Bis alle Englisch sprechen, gehört ein bisschen Improvisation zum Taxifahren dazu - und da sind manche Taxifahrer sogar besser als ich. Viele meiner Termine sind in der Nähe einer sehr bekannten Kneipenstraße, zu der ich mich in der Regel fahren lasse. Als ich den dritten Aussprechanlauf starte, erhellen sich die Gesichtszüge des Fahrers, er grinst mich wissend an, hebt ein imaginäres Glas zum Mund und ruft: "Ah, Oookay!"

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Donnerstag, 19. Juli 2007
Der Weg ist das Ziel
Eins zu drei. Das ist das übliche Verhältnis. Eine Stunde Termin, drei Stunden im Verkehr Pekings. Wenn ich nicht den Stadtteil verlassen muss. Nun habe ich aber einen Termin in einem der Studentenviertel im Nordwesten der Stadt. Da ich im Südosten wohne, mache ich mich schon vor dem Frühstück auf den Weg.

Rush-Hour. Der 31er-Bus kommt hupend die Straße herunter gerumpelt. Kaum gehen die Türen auf, tropfen Menschen von der untersten Trittstufe, quetschen sich neue und mehr an ihre Stelle. Wäre ich einen Kopf kleiner, hätte ich Platzangst. Die Busfahrerin hat schlechte Laune. Ihr überdurchschnittlich durchdringendes Schreien und ihre Fahrweise verraten sie. Gas, Stopp. Gas, Stopp. Die Menschenmasse wogt in entgegengesetzter Richtung.

Aufprall, Mischen, Sortieren

Sieben Haltestellen und 20 Minuten später spuckt uns der Bus aus. Die Busmenschenmasse ist jetzt eine Fußgängermenschenmasse und schiebt sich die Straße hoch, über die Kreuzung und in den kühlen Tunnel der U-Bahn. Pause.

Das Zischen der Türhydraulik gibt den Startschuss. Von hinten drängen die ersten durch die schmale Gasse, die eigentlich den Ausstieg erleichtern sollte. Aufprall, Mischen, Sortieren. Egal wie voll Bahn und Bahnsteig, am Schluss ist letzterer immer leer.

Die schmierigen Griffe sind außer Reichweite, aber dutzende Körper geben Halt. Start Lautsprecherstimme. Nicht enden wollende chinesische Sprachfetzen hängen über den Köpfen. Als die Bahn schon wieder an Geschwindikeit verliert, kommt die karge Übersetzung: "Next Stop: Jianguomen". Umsteigen.

Wenn in einem guten Jahr die Objektive der Welt auf Peking gerichtet sind, sollen sie westliche Ordnung vorfinden. Also: Schlange bilden statt Menschentraube. Mir war es lieber, als ich nicht von pubertierenden Jungs in schlackernder Uniform mit Megafon in eine Reihe hinter einer gelben Linie gezwängt wurde. Geholfen hat das bisher ohnehin nur denjenigen, die sich auch vorher schon beim Hydraulikzischen von hinten durch die freie Gasse gedrängt haben. Die ist jetzt einladender.


Die ersten eineinhalb Stunden sind um. Wieder umsteigen. Diesmal überirdisch. Ich nehme mir vor, auf dem Rückweg die große Runde zu fahren - Sightseeing und so. Bevor ich am Bahnterminal ankomme, bleibt die U-Bahn-Menschenmasse zwischen Absperrgittern stecken. Das große Disneylandgefühl kommt auf: Kaum denkt man, man sieht das Ende der Schlange und hat es bald erreicht, windet sie sich noch einmal.

Die Sprachenvielfalt ist mit jedem Mal Umsteigen gewachsen, der Altersdurchschnitt gesunken. Ich stelle fest, dass es manchmal auch erholsam sein kann, Unterhaltungen nicht zu verstehen. Außer man interessiert sich für die Aufregung, die ein Kuss auf die Wange bei einer 20jährigen Amerikanerin auslöst.

Immer noch Rushhour. Möglicherweise beginnt die im Studentenviertel später als im Businessdistrict. Wieder in unsinnigen Reihen stehen, von der Gegend sehe ich aus der Bahn nicht viel, kann die Fenster nur erahnen. Nach gut zwei Stunden bin ich da. Wudaokou Station.

Zurück nehme ich ein Taxi.

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Die Straße der halbnackten Wanderarbeiter
Vor meinem Haus ist eine Baustelle. Vielleicht ist das Verhältnis damit nicht richtig beschrieben - dominant ist eigentlich die Baustelle, nicht das Haus. Sie sorgt nicht nur dafür, dass regelmäßig Baustaubwolken durch die schmale Zubringerstraße ziehen und meine weißen Schuhe nach wenigen Metern graubraun sind (meine schwarzen auch). Die Baustelle bestimmt auch das soziale Leben des ganzen Viertels. Mit ihr kamen hunderte von Wanderarbeitern - oder war das dann doch umgekehrt?

Wo der Bus sich tagsüber nur selten durch Hupen Respekt verschaffen muss, drängen sich abends immer mehr Menschen, Zweiräder, Dreiräder, Autos und LKW. Mit der Dämmerung lebt die Straße auf: Vor den Garküchen trinken Männer Bier, spielen Karten, Mahjongg oder Billard unter einer schwachen, von einem Ast baumelnden Glühbirne. Fliegende Händler breiten auf Tüchern abgewetzte Hosen, fein säuberlich geputzte und mit Zeitungspapier ausgestopfte Schuhe, Comics mit und ohne Eselsohren und hunderte von DVDs in dünnen Plastikbriefchen aus.

Auf meiner Straße herrscht Männerüberschuss. So richtig aufgefallen ist mir das erst, als sich die tatsächlichen den von mir schon länger gefühlten Temperaturen anglichen: Es ist sauheiß. Also gehen all die Mahjonggspieler, Comickäufer und Biertrinker oben ohne.

Die Frauen, die hier unterwegs sind, wohnen in der Regel auch in meinem Haus. Oder arbeiten in einem der kleinen Läden. Wie zum Beispiel meine Lieblingsnachbarin. In Dortmund würde man sagen, sie betreibt eine Trinkhalle. Meine Lieblingsnachbarin ist sie deshalb, weil sie schon beim ersten Anlauf mein hilfloses Chinesisch verstanden hat. Wenn Sie mich jetzt kommen sieht, springt sie auf, murmelt etwas, das wahrscheinlich sowas heißt wie "das Übliche" und packt mir ein paar Flaschen Wasser ab. Toll.

Das Schöne an den chinesischen Bauarbeitern ist, dass sie einen nicht blöd anquatschen, geschweige denn hinterherpfeifen. Gut, es fährt schon mal einer mit dem Fahrrad gegen einen Baum, weil er sich beim Gucken den Hals verrenkt. Aber das ist halt so, wenn man als einziger Ausländer auf einer chinesischen Baustelle wohnt.

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Home Sweet Home


Dumm gelaufen. Ich habe mich allerdings gefragt, was mit dem Auto passiert wäre, hätte es auf dem bis dahin regulären Parkplatz rechts im Bild gestanden.



Mein Block.



Meine Straße (ohne Namen - Adressen taugen zur Orientierung in Peking ohnehin nur bedingt)



Voilà - doggie. Der wahrscheinlich hübscheste Haushund Chinas. Die man sonst so sieht sind entweder Katzenformat oder Knautschzonenoptik. Kann leider nur Chinesisch.



Chinesischer Mauerbau - dieser Abschnitt ist an einem Vormittag aus dem Nichts entstanden.

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Angekommen.
Auf dem Weg zum Supermarkt war sie noch da. Als ich vom Einkaufen wiederkam, klaffte dort, wo vorher eine mannshohe Mauer das Grundstück zu meinem Appartementkomplex einschloss, ein Loch. Außerdem stand das Häuschen des Wachmanns plötzlich auf der anderen Straßenseite und als ich heute früh aus dem Fenster schaute, zogen dutzende der sagenumwobenen „Wanderarbeiter“ eine neue Mauer an einer anderen Stelle hoch. Zum Mittag war sie fertig.

Manche Dinge gehen schnell in China. Das gilt nicht für den Verkehr oder Kinokartenverkäuferinnen. Im Falle des Verkehrs ist das auch ganz gut so, weil Karambolagen bei Schritttempo weniger Schaden anrichten - und die sind zahlreich.

Meine Mitbewohnerin bzw. Vermieterin Saja ist wahrscheinlich die einzige Chinesin, die jemals an einer roten Fußgängerampel stehen geblieben ist. Nicht, dass es wirklich viel Unterschied macht, ob man bei rot oder grün geht. Denn erstaunlicherweise kreuzen bei grün beinahe genauso viele Autos, Mofas und Fahrräder den Fußgängerüberweg wie bei rot und das aus allen Himmelsrichtungen.

Saja ist der englische Name meiner Mitbewohnerin, den chinesischen übe ich noch. Weil unser WG-Hund (nein, er war nie für den Kochtopf bestimmt, das sind bösartige Vorurteile) keinen englischen Namen hat und ich seinen richtigen nicht aussprechen kann, nenne ich ihn wahlweise "dog" oder "Scheißköter" - letzteres wenn wir unter uns sind und er versucht, mich durch lautes Bellen aus der Wohnung zu treiben.

Beim Abendessen mache ich dann meist mit Saja Kulturaustausch im weitesten Sinne. So lerne ich im Kleinen viel Neues über das Land und bekomme auf vieles, das ich sonst nur aus Büchern kannte, eine andere Perspektive. Sajas Großvater war Mitglied der Kuomintang, die vor den Kommunisten über China herrschten. Er floh nach Taiwan, als die Kommunisten die Regierung übernahmen. Wegen seiner Familie kam er aber zurück, wurde festgenommen, verschleppt und kehrte erst nach mehr als 20 Jahren aus einem Gefangenenlager irgendwo im Niemandsland zurück. Wir kommentieren selten das, worüber wir sprechen – ich vermutlich noch seltener als Saja. Das wäre dann vielleicht das nächste Stadium des Kulturaustauschs.

Und wer sich jetzt vielleicht schon Sorgen um mein die Diplomarbeit betreffendes Vorankommen machte – auch damit beschäftige ich mich und die Interviews laufen super. Bisher wehrt sich die Realität wieder einmal vehement gegen die Theorie – was ja so eine empirische Arbeit auch irgendwie erst interessant macht.

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